Frust in Attendorn: Pflegepersonal muss jetzt die Betten desinfizieren

Das hat uns 2025 bewegt


  • Attendorn, 29.12.2025
  • Gesundheit & Medizin
  • Von Wolfgang Schneider
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Das hat uns 2025 bewegt – die LokalPlus-Redaktion hebt die stärksten Geschichten noch einmal hervor. von privat
Das hat uns 2025 bewegt – die LokalPlus-Redaktion hebt die stärksten Geschichten noch einmal hervor. © privat

Attendorn. Das Jahr geht zu Ende und die LokalPlus-Redaktion blickt zurück auf Menschen und Themen, die die Leserinnen und Leser und auch uns in der Redaktion besonders berührt haben. Bewegende Geschichten und Themen, die zum Freuen, Mitfühlen oder Nachdenken anregten. Heute: Eine Umstrukturierung an der Helios Klinik Attendorn, die für das Pflegpersonal besonders belastend ist.


Der Originalartikel wurde am 4. April 2025 veröffentlicht.

An der Helios Klinik Attendorn schlägt das Pflegepersonal Alarm. Anlass ist eine Umstrukturierung in der Klinik, die den Krankenschwestern und -pflegern zusätzliche Arbeit bringt. Der Klinikträger sieht keinen Anlass, die Änderungen zurückzunehmen.

„Wir schaffen unseren eigentlichen pflegerischen Auftrag schon kaum mehr wegen der hohen Belastung und des knappen Personalbestands. Wir wissen nicht, wie wir die zusätzliche Arbeit noch schaffen sollen“, klagt eine Krankenschwester (Name der Redaktion bekannt), die sich im Auftrag ihrer Kolleginnen und Kollegen an die LokalPlus-Redaktion gewandt hat.

Was ist passiert? Bis Ende März gab es an der Helios Klinik in Attendorn zwei spezielle Berufsfelder – zum einen die Bettenaufbereitung und zum anderen die Patientenbegleitung im Stationsalltag. Den Mitarbeitern, die in diesen Bereichen tätig waren, sei gekündigt worden, berichtet die Krankenschwester. Seit 1. April müsse das Pflegepersonal diese Aufgaben zusätzlich zum regulären Tätigkeitsfeld mit übernehmen.

Symbolfoto Krankenhaus von Pixabay.com
Symbolfoto Krankenhaus © Pixabay.com

Besonders die zeitaufwändige Bettenaufbereitung liegt den Pflegerinnen und Pflegern schwer im Magen, denn sie sehen sich dafür weder ausreichend qualifiziert noch gebe es im eng getakteten Arbeitsalltag freie Kapazitäten für diese Zusatzaufgabe. „Wir sind keine Hygienefachkräfte und können nicht gewährleisten, dass alles wirklich richtig desinfiziert ist. Das bringt uns in einen Gewissenskonflikt“, gibt sich die Krankenschwester verzweifelt.

Hinzu komme der zeitliche Aspekt. Die Reinigung eines Bettes inklusive Matratze, Nachttisch und Schrankabteil dauere im Durchschnitt 30 Minuten. Bei bis zu sechs Entlassungen täglich oder Sterbefällen von Patienten in der Klinik seien das im Schnitt drei Stunden zusätzliche Arbeit am Tag, rechnet die Krankenschwester vor.

„Woher sollen wir diese Zeit nehmen?“

„Woher sollen wir diese Zeit nehmen?“, fragt sie. „Alle Kolleginnen und Kollegen sind verzweifelt. Wie sollen wir die Prioritäten setzen, wenn uns Patienten einerseits auf Station brauchen und wir gleichzeitig Druck haben, weil neue Patienten darauf warten, ihr Zimmer beziehen zu können?“

Das Pflegepersonal fühle sich ohnmächtig und verzweifelt. Versuche, die per Dienstanweisung verordnete Regelung zurückzunehmen, hätten nichts gebracht, berichtet die Krankenschwester. Stations- und Pflegedienstleitungen sowie der Betriebsrat hätten nichts bewirken können. Deshalb sei der Gang an die Öffentlichkeit der letzte Weg.


Skill Mix auf den Stationen

LokalPlus hat bei der Helios Klinik Attendorn nachgefragt und elf konkrete Fragen zu der Situation vor Ort gestellt. Die Antwort fiel allgemein und wenig konkret aus. Der Pressesprecher der Klinik schreibt:

„Das Wohl unserer Patientinnen und Patienten und ihre Versorgung in hoher medizinischer Qualität stehen für uns an erster Stelle. Auf unseren Stationen setzen wir den sogenannten Skill Mix ein. Das bedeutet, dass unterschiedlich qualifiziertes Personal die Arbeit gemeinsam ausführt und sich die Aufgaben im Team aufteilt. Damit kommen wir den gesetzlichen Änderungen und Vorgaben nach.

Neben den dreijährig examinierten Pflegefachkräften setzen wir zur Unterstützung unserer Teams verstärkt Pflegefachassistenten bzw. Krankenpflegehelfer ein. So wird die anfallende Arbeit auf der Station auf alle Schultern verteilt. Diese Arbeitsteilung wird an den Standorten stetig weiterentwickelt.“

Auf nochmalige Nachfrage antwortete der Pressesprecher am Freitagmittag, 4. April: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu innerbetrieblichen Angelegenheiten nicht weiter äußern.“

Pflegekammer NRW bietet Unterstützung an

Carsten Hermes, Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW, hat den LP-Bericht gelesen und bietet Unterstützung an. Er schreibt:

„Es sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden, den Kolleginnen und Kollegen zur Seite zu stehen. Die Pflegekammer NRW ist als berufliche Selbstverwaltung Ansprechstelle gerade auch für solche Situationen. Wir sind nicht nur zuständig, sondern aktiv daran interessiert, mit Pflegenden im Land in den Austausch zu treten – insbesondere auch dann, wenn Maßnahmen der Arbeitsorganisation potenziell die fachliche Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung gefährden.

In Nordrhein-Westfalen gelten ein Berufsrecht und eine Berufsordnung für die professionell Pflegenden, die verbindliche Standards professioneller Pflege definieren – analog zu den ärztlichen Berufsstandards. Es wäre ebenso undenkbar, einem Anästhesisten im Nachtdienst anzuordnen, eine Blinddarmoperation durchzuführen, nur weil er grundsätzlich über eine Approbation verfügt.

Genauso wenig darf Pflegefachpersonal Aufgaben übernehmen, für die weder die erforderliche Qualifikation noch die strukturellen Rahmenbedingungen gegeben sind und die zu einer Minderversorgung der Patientinnen und Patienten führen.

Pflege ist ein eigenständiger Heilberuf mit klar umrissenen Aufgaben, Verantwortlichkeiten und ethischen Leitlinien. Diese Standards sind nicht verhandelbar – auch nicht in wirtschaftlich angespannten Zeiten. Sollte es Hinweise auf regelwidriges oder übergriffiges Verhalten innerhalb eines Klinikträgers geben, stehen uns als Kammer Wege der rechtlichen und berufsethischen Prüfung offen.“

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