Warum das Vogelschießen in Bilstein einem Kind aus Benolpe das Leben kostet

Unglück vor 90 Jahren


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Maria Löcker kam am 2.7.1934 durch eine Gewehrkugel ums Leben. von privat
Maria Löcker kam am 2.7.1934 durch eine Gewehrkugel ums Leben. © privat

Benolpe/Bilstein. Auf den Tag genau vor 90 Jahren, am 2. Juli 1934, ereignete sich beim Vogelschießen in Bilstein ein schlimmes Unglück. Eine Gewehrkugel traf ein Mädchen aus Benolpe, das mit ihrer Schulklasse im Wald beim Beerenpflücken war. Ulrich Rauchheld aus Bilstein berichtet über die Geschehnisse damals:


Gegen 8 Uhr an diesem Montag machten sich Lehrerin Steinmetz und Hauptlehrer Knop von der Volksschule Benolpe mit ihren Schulkindern auf den Weg Richtung Benolper Kreuz. Dort oben „Auf dem Löh“ wollten sie Waldbeeren suchen. Mit dabei war auch die achtjährige Maria Löcker. Mit ihrer Freundin Adelheid Schäfer sammelte sie kniend Waldbeeren. Auf einmal fiel Maria mit dem Kopf nach Süden gewandt rückwärts auf den Boden und blieb leblos liegen.

Verletzung am Hinterkopf

Sofort eilten die Lehrpersonen herbei und sahen, dass Maria eine kleine offene Wunde am Hinterkopf hatte. Hauptlehrer Knop trug Maria nach Benolpe. Es wurde ein Fahrzeug besorgt und zur ärztlichen Versorgung nach Dr. Bremm in Welschen Ennest gefahren. Er stellte eine Geschwulst oberhalb des linken Auges fest. Der Verletzung am Hinterkopf schenkte er keine Bedeutung .

So kam sie ins Altenhundemer Krankenhaus und wurde von Dr. Gladen operiert. Auch hier wurde der Verletzung am Hinterkopf keine Bedeutung geschenkt. Man öffnete die fünfzigpfennigstückgroße Geschwulst und es flossen Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse heraus. Maria starb am gleichen Tag um 20 Uhr, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben.

Fassungslosigkeit in Benolpe

In Benolpe war man fassungslos. Unter großer Anteilnahme der Benolper wurde sie am 7. Juli 1934 auf dem alten Benolper Friedhof beerdigt. Jedoch ließ dieser Tod die Benolper nicht los. Adelheid Schäfer erinnerte sich, dass kurz bevor Maria zusammenbrach, ein Surren gehört zu haben. Förster Schubert von der Einsiedelei sagte später: „Das Kind ist durch eine Kugel des Vogel-schießens in Bilstein zu Tode gekommen, welches am selben Tag stattgefunden hat.“

Gab es da eine Verbindung? Das Waldbeeren-Gebiet liegt genau in Schießrichtung der Bilsteiner Vogelstange und zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Die Eltern der kleinen Maria ließen keine Ruhe und beauftragten Rechtsanwalt Wurm aus Altenhundem, entsprechende Schritte einzuleiten. Am 1. November 1935 wurde beim Landgericht Klage eingereicht und am 3. April 1936 wurde Maria exhumiert und anschließend von Amtsarzt Dr. Veit aus Siegen obduziert.

Der Grabstein von Maria Löcker. von privat
Der Grabstein von Maria Löcker. © privat

Noch am Benolper Friedhof wurde die stark verweste Leiche von Maria begutachtet und der Kopf vom Rest der Leiche abgetrennt. Es zeigten sich zwei Öffnungen - eine kreisrunde am Hinterkopf und eine größere an der Schläfe. Der Schädel wurde ausgespült und beim Durchsieben dieser Flüssigkeit fand man ein Hartmantelspitzgeschoß mit einer Projektilgröße von 8 mm.

Durch eine Röntgenuntersuchung in Siegen wurde festgestellt, dass das Geschoss in der gesamten Länge durch den Schädel geschlagen ist. So wurde eindeutig belegt, dass das Kind durch einen Gewehrschuss zu Tode kam.

Klage gegen Schützenverein

Der Vater des Kindes, Franz Löcker, klagte vor dem Landgericht Siegen gegen den Schützenverein Bilstein und das Amt Bilstein wegen Amtspflichtverletzung. Am 5. Juni 1936 einigten sich Franz Löcker und der Bilstein Schützenverein außergerichtlich auf eine Schadensersatzsumme von 2.000 Reichsmark. Die Summe entspricht in der heutigen Zeit einer Kaufkraft von ca. 10.000 Euro.

Die Beweislage gegen den Schützenverein Bilstein war ebenso erdrückend wie eindeutig. Der Schützenverein hatte für so einen Fall eine Haftpflichtversicherung bei der Iduna-Germania abgeschlossen. Diese Versicherung zahlte die Summe. Der Schützenverein Bilstein übernahm teilweise auch die Anwalts – und Gerichtskosten von Franz Löcker.

Verzicht auf weitere Revision

Das Amt Bilstein stimmte dem Vergleich nicht zu. Franz Löcker hätte die Möglichkeit gehabt, wegen fahrlässiger Amtspflichtverletzung zu klagen, weil der zuständige Polizeisekretär und Bürgermeister beim Vogelschießen anwesend waren und das Schießen mit unzulässigem Gewehr und Munition nicht unterbunden hatten. Zudem hatte das Amt Bilstein Vorsichtsmaßnahmen wie die Sperrung der Wege rechts und links von der Vogelstange und das Anbringen von Hinweisschildern versäumt.

Franz Löcker wurde zu den Verfahren am Landgericht Siegen und am Oberlandesgericht Hamm das Armenrecht nicht zuerkannt. So verzichtete er auf ein weiteres Revisionsverfahren.

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