Nachrichten Corona
Kreis Olpe, 18.02.2021

Baradari und Junker fordern mehr Sachkundige in der Gesundheitspolitik

„Hausärzte müssen stärker in das Impfgeschehen eingebunden werden."

Dr. Martin Junker und Nezahat Baradari vor dem Impfzentrum in Attendorn.
Dr. Martin Junker und Nezahat Baradari vor dem Impfzentrum in Attendorn.
privat
Kreis Olpe/Attendorn. Bei einem gemeinsamen Treffen im Impfzentrum des Kreises Olpe in Attendorn hat sich Nezahat Baradari, Kinder- und Jugendärztin aus Attendorn und heimische Bundestagsabgeordnete, mit dem Olper Allgemeinmediziner Dr. Martin Junker ausgetauscht. Junker ist auch Leiter der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe sowie Mitglied des Corona-Krisenstabs des Kreises Olpe.

Anlass war das „Memorandum“ des Allgemeinarztes. Dort kritisierte Junker den Umgang von Politikern und Behörden mit dem Corona-Virus mit deutlichen Worten. Die beiden Ärzte fanden aus fachlichen Gründen viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen. Für beide ist aus ärztlicher Sicht klar: An erster Stelle geht es um das Wohl des Patienten und nicht um irgendwelche Regelungswut.

Beide fordern mehr Sachkunde im Parlament und in den politischen Entscheidungsgremien. Dr. Martin Junker nahm kein Blatt vor den Mund, ihn treibe der „Frust, dass nur Theoretiker vom Schreibtisch aus als Berater herangeholt werden, statt die wirklichen Sachkundigen aus der Praxis. Das gelte auch für die Medien“.

Gesetze in der Praxis oft nicht umsetzbar

Baradari verwies darauf, dass der Mangel an sachkundigen Praktikern nicht nur im Bereich der Medizin, sondern „in sehr vielen Bereichen“ der Fall sei. Eine Folge seien „riesengroße Gesetzestexte, die zwar gut gemeint, aber reine Theorie sind“. Das habe mit einer patientenorientierten, praktischen und alltäglichen Sicht eines Mediziners oder einer anderen praktizierenden Berufsgruppe wenig gemein.


Insgesamt fehle es nach Meinung der Bundestagsabgeordneten in der Gesundheitspolitik an einer „Sektorenkopplung“, an einer Instanz, die „die Übersicht hat“ und praktischen Sachverstand mitbringt. So könne unterbunden werden, dass viele Beteiligte, von der Bundesregierung und den Ministerien über die Kassenärztlichen Vereinigungen hin zu den Kommunen, „ihr eigenes Süppchen kochen“.

Falle es schon Fachleuten schwer, die Gesetztestexte in Gänze zu verstehen, wie gehe es dann erst der Bevölkerung? Auch diese Frage treibt beide um. Sie befürchten eine weiter schwindende Akzeptanz und Umsetzungswilligkeit der in Teilen „ansonsten sinnvollen“ Maßnahmen gegen das Coronavirus.


Unter fehlender Praxisnähe leidet für beide auch der gegenwärtige Umgang mit den Impfungen gegen das Coronavirus. So bringen die großen Impfzentren einen umfangreichen Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand mit sich, der „das ganze verlangsamt“ so Baradari. Das liege nicht „am Impfen“, wie Junker hinzufügte, „sondern am Papierwust“.

Corona-Impfungen in Arztpraxen verlegen

Beide sprechen sich dafür aus, das Impfen auch auf die Arztpraxen zu verlegen. Baradari empfahl: „Der Hausarzt kennt seinen Patienten, er weiß welche Vorerkrankungen und Allergien er hat.“ Ähnlich wie bei der Grippe könne die Impfung während des laufenden Praxisbetriebes erfolgen, ohne dem Patienten zum Teil lange Fahr- und Wartezeiten wie bei den Impfzentren zuzumuten.

Dr. Junker lässt auch die vielfach angeführte Kühlproblematik speziell des BioNTech-Impfstoffes für Arztpraxen nicht gelten. In den herkömmlichen Praxiskühlschränken halte sich der Impfstoff etwa sechs Tage. Die Vereinzelung und zielgerichtete Verimpfung sei problemlos in der Praxis möglich. Aktuell liege das Problem eher darin, dass gar nicht genügend Impfstoff bereitstehe.

(LP)

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